Kritik

Rezension: Don Carlos - eine Comicfigur im Kölner Theater?
von Ariane Müller, Schülerin des Lise-Meitner-Gymnasiums

Köln. Der Vorhang bleibt geschlossen. Die Augen im Saal richten sich auf eine Videoproduktion über der Bühne, sie zeigt den König Spaniens (Michael Altmann) in Großaufnahme, er spricht von einem „Blutgericht“, welches sich zugleich – der Vorhang öffnet sich - als riesiges rotes Bühnenbild dem Zuschauer offenbart. Doch nicht genug, dass man im Theater jetzt auch schon mit dem Medium Video zusammentrifft, es muss auch noch eine Art elektronische Tanzschrittanweisung folgen, der die Schauspieler aufgereiht wie Marionetten zugleich folgen. Spätestens nach dieser Einlage fragt man sich, ist man wirklich in dem Theaterstück, das die Visionen eines Schillers - Liebesdrama und höfisches Intrigenspiel - widerspiegelt oder doch mehr in der Aula einer Schule, die noch erste Experimentierversuche probt?

Don Carlos ist Schillers erstes klassisches Drama und gehört unumstritten zu den Höhepunkten der deutschen Klassik. Es handelt sich um ein spannendes Schauspiel, geprägt von einem Intrigennetz, das dem Zuschauer nicht immer verständlich erscheint, in der Inszenierung jedoch angemessen dargestellt wird. Da wäre zum einen die jugendliche Verzweiflung des Infanten Don Carlos, der nicht nur scheinbar hoffnungslos in seine Stiefmutter verliebt ist, sondern auch eine kühle und angespannte Beziehung zu seinem Vater führt. Carlos befindet sich demnach in einem Spannungsverhältnis zwischen seinen eigenen Gefühlen und den familiären und gesellschaftlichen Erwartungen. Als Zuschauer stellt man sich jedoch die Frage, ob Markus Scheumann seine Rolle des Don Carlos nicht doch ein wenig übertreibt. Man begegnet auf der Bühne einem sehr überschwänglichem jungen Mann, der alles andere im Kopf hat als seine politischen Anforderungen zu erfüllen, stattdessen hüpft er entweder jubelnd über die Bühne oder taumelt mit einem stark depressiv traurigen Ausdruck von einer Ecke zur nächsten. Eine der Schlüsselstellen in der Beziehung zwischen dem Infanten und der Königin ist im Drama die Begegnung, in der sie ihm offenbart: „Elisabeth war Ihre erste Liebe. Ihre zweite sei Spanien“, sie endet unter der Hand Marc Günthers in einem kindischen Umklammern von Carlos Seite, der letztendlich von Königin Elisabeth über die ganze Bühne geschleppt wird. Keinesfalls anzuzweifeln ist jedoch die schauspielerische Leistung Scheumanns, der es mit seiner auffälligen Art schafft, einen völlig anderen Con Carlos zu kreieren, dessen Gefühlsschwankungen, zwischen Liebe, Freundschaft und Familie den Zuschauer ein wenig, wenn auch auf lächerliche Art, in seinen Bann zu ziehen.
Doch auch der zweite große Konflikt um die Frage nach einer idealen Regierungsform und gesellschaftlicher Freiheit im Land des absolutistischen Herrschers König Philipp II wird versucht dem Zuschauer darzulegen. Obwohl jedoch auch in diesem Fall die Schlüsselszene zwischen Philipp und dem Marquis von Posa nicht unbedingt gelungen ist, indem sie zunächst ausschließlich auf dem Videoausschnitt über der Bühne zu betrachten ist und in einem scheinbar ewig andauernden Dialog endet. Dies ist weniger der Wirkung von Schillers Versen zuzuweisen, als der schauspielerischen Art der beiden Hauptcharaktere. Michael Altmann, im Auftritt auf jeden Fall der Rolle eines Königs würdig, in seiner schauspielerischen Art jedoch das genaue Gegenteil zum jungen Infanten. Er begegnet seiner Rolle und Schillers Versen mit solch einer professionellen Weise und unglaublichen Ruhe in Bewegung und Stimme, dass der Zuschauer mehr dazu verführt wird, sich auf die Mimik und Gestik, als auf den Inhalt der gerade rezitiert , zu konzentrieren.
Das komplette Gegenteil zur Dramenfigur bildet der Posa des Lukas Holzhausen, er begegnet uns weder als zielorientierter Freiheitskämpfer noch als Vertreter der Ideale von Gleichheit und Brüderlichkeit. Auffallend ist besonders neben der Figur des Königs, dass keinerlei Mimik und Gestik vorhanden ist, stattdessen trägt er die Schillerschen Verse, die kurzum einfach abgelesen wirken, lieber mit Händen in den Hosentaschen vor.
Gelungen ist aber doch das Zusammenspiel von Domingo und Alba, die ihr Intrigenspiel gegen den spanischen Hof schließlich mit dem Wissen der enttäuschten und etwas zynischen Prinzessen von Eboli zum Höhepunkt brachten.

Das Bühnenbild scheint bewusst sehr abstrakt gewählt, an dem schlichten roten Raum, der sich dem Zuschauer zu Anfang fast symbolisch öffnet, ändert sich im Laufe der Inszenierung kaum etwas. Tiefe und Variation wird der Bühne hauptsächlich durch den hinteren Raum erzeugt, der, ganz in Schwarz, sich vom eigentlichen Bühnenbild durch zwei riesige Schiebetüren abgrenzt. Dieser Raum ist Mittelpunkt der zentralen Intrigen im Stück, Kammer des Königs und somit das Ziel der Videoüberwachung, die der Zuschauer über der Bühne verfolgen kann. Die richtige Raumwirkung wird vor allem durch die Beleuchtungstechnik erzielt. Gelungen erscheint diese Technik vor allem in Kombination mit den Schauspielern, die sich mitunter zu zwei verschiedenen Szenen zur gleichen Zeit auf der Bühne zeigen. Diese Überschneidung der Handlungen im Stück fällt besonders auf durch die Rolle der Marquisin von Mondekar, die eher durch ihr Durchhaltevermögen als durch schauspielerische Leistung glänzt, da sie die gesamte Inszenierung über an einer Stelle liegen bleibt, nachdem sie von Philipp aus Spanien verbannt worden ist. Den besonderen Bühneneindruck brachten Säulen, die jedoch leider erst gegen Ende des Stückes zum Einsatz kamen. Durch Veränderung der Lichtfarbe wird nun schließlich eine Art grauer Schleier, passend zum Ende der Tragödie, über die Bühne gelegt. So war zumindest die richtige Atmosphäre geschaffen, wenn schon nicht durch Schauspiel brilliert wurde.

Enttäuschend sind aber weniger das stilisierte Bühnenbild als die schlichten Kostüme der Darsteller, die Erwartungen in kunstvolle historische Kostüme endeten schließlich in Schwarz-Weiß gehaltenen Hosenanzügen. Die Rolle der Königin wird durch den nicht allein bauchfreien Anblick völlig verzerrt und unterschätzt, ebenso wie die Rolle der Infantin, die durch das einzige prunkvoll ausladende Kleid wie eine Porzellanpuppe wirkt, die sich völlig im Stück verirrt hat.

Marc Günthers moderne Inszenierung zu Schillers „Don Carlos“ weist einige ungewohnte Methoden auf, die die Erwartungen kundiger Leser weniger erfüllen als deuten, doch sollte der mediengewohnte Zuschauer ins Theater zu locken sein.


 

Schiller über Wieland: „Aus dem Carlos, sagte er, hätte ich drei wichtige Stücke machen können. Er ist jetzt überzeugt, dass das Drama mein Fach ist.“ 14.10.1787

 


Rezension: Tanzanweisungen im knallroten Kasten
von Lisa Gerkens, Schülerin des Lise-Meitner-Gymnasiums

Der Infant von Spanien, Don Carlos, sein Vater König Philip II, welcher ihm die Braut ausgespannt und selbst geheiratet hat, eine verliebte Prinzessin, eine Menge Grafen und ein lügnerischer Priester: Schillers dramatisches Gedicht rund um die Themen Liebe, Verrat, Eifersucht, Rache und Politik - ein geniales Werk.

Betrachtet man nun die Inszenierung des Intendanten des Kölner Schauspielhauses Marc Günther, bestätigt sich die Annahme, dass Genie und Wahnsinn nah beieinander liegen.
Die Premiere startet vielversprechend mit einer dramatischen Ansprache des Königs (Michael Altmann), welche, auf einem über der Bühne hängendem Bildschirm, als Videosequenz läuft.
Danach jedoch macht sich im Publikum ein allgemeines Unverständnis breit.
Eine Electronic Voice, die Tanzanweisungen gibt, die Bühne als begrenzter Raum, na ja, man könnte es auch als einen knallroten Kasten bezeichnen, dazu ein scheinbar wahnsinniger Don Carlos, der wie auf Ecstasy über die Bühne- Entschuldigung, den roten Kasten- rennt, kugelt, stolpert und springt. Die Interpretation des Infanten erscheint im Gegensatz zu den übrigen einschläfernd wirkenden Darstellern unpassend. Was zu Beginn noch lustig und durch die Gegensätzlichkeit tatsächlich auch interessant erscheint, nervt nach kurzer Zeit gewaltig.
Die Darsteller präsentieren sich in einem Businesslook, doch ein bauchfreier Hosenanzug der Königin und weiße Turnschuhe zum Anzug des Don Carlos? Anscheinend soll dadurch die Modernität der Inszenierung ausgedrückt werden, warum aber tritt dann die kleine Infantin auf einmal in einem pompösen Barockkleid auf, mit dem sie wegen des Hüftreifs noch nicht einmal durch die Bühnenabgänge passt?

Unerwartet positiv überrascht hat Marc Günthers Lösung der Briefproblematik. Schiller verschickt in seinem dramatischen Gedicht unglaublich viele Briefe durch die Weltgeschichte. Dabei passieren so einige Missverständnisse: Von wem war dieser Brief? Für wen ist der andere? Günther vermeidet geschickt diese Missverständnisse.
Alle anderen Intrigen und Probleme sind leicht nachvollziehbar, auch unterstützt durch die immer wiederkehrenden Videosequenzen des Königs; er nimmt die Position eines Erzählers ein, leitet, auch wenn er nicht allwissend ist, durch die Handlung.
Der langweilig erscheinende Kasten wird durch aufwendige Lichttechnik ständig verändert. Wahrscheinlich sollten die Schauspieler den Raum ebenfalls beleben, bis auf die Briefe ohne Requisiten, doch leider erzielen sie beim Publikum die gegenteilige Wirkung.
Alles in allem können die wenigen positiven Aspekte die langweilige Inszenierung nicht attraktiver machen.

Ein Tipp zum Schluss, falls Sie bereits Karten für diese Inszenierung haben: Verlassen Sie den Saal ca. zehn Minuten vor dem Ende der Vorstellung, sonst laufen Sie Gefahr einen Hörsturz zu erleiden. Ein hohes, viel zu lautes Gekreische begleitet aus der Decke des roten Kastens fahrende, rote Säulen. Dadurch wird der eher misslungene Theaterbesuch abgerundet.


 

„Für meinen Carlos – das Werk dreijähriger Anstrengung – bin ich mit Unlust belohnt worden.“ 7.1.1788

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